Ausstellungen 2009
Kunstverein Ludwigsburg, Wilhelmstraße 45/1

 

 
Lebenswirklichkeit

In der Ausstellungsreihe werden zeitgenössische Künstler
vorgestellt, die sich mit der Lebenswirklichkeit auseinander-
setzen. Doch schaffen sie Abbilder und hoch artifizielle
Bildwelten. Denn heute ist es endlich erreicht, dass nicht
mehr streng in gegenständlich und ungegenständlich
geschieden wird. Vielleicht waren es die Fotokünstler, die
deutlich werden ließen, dass das technische Abbild immer
auch Bild und geradezu malerische Qualität aufweisen kann.
Aber auch die Maler selbst überbrückten die Grenzen. So
wurde es etwa für Gerhard Richter selbstverständlich, foto-
realistische und abstrakte Gemälde zu schaffen, weil er die
abstrakten Strukturen im Gegenständlichen und das Gegen-
ständliche in einem abstrakten Bild vor Augen führen möchte.
Die ausgewählten Künstler zeigen uns die Welt und reflektieren
gleichzeitig die jeweiligen medialen Möglichkeiten ihrer Kunst.

 

Ludwigsburger Extras

Die für den Kunstverein Ludwigsburg entwickelte Ausstellungs-
reihe umfasst internationale, medial verschiedene Positionen
zeitgenössischer Kunst. Jeweils eine in Deutschland erste
Soloschau sog. emerging artists wird dabei mit einem orts-
spezifischen Beitrag der Künstler/innen für Ludwigsburg be-
reichert. Mit diesem „Extra“ beziehen sich die Künstler/innen
etwa auf die Räume des Kunstvereins oder - im Jahr des
Stadtjubiläums - auf die Geschichte Ludwigsburgs.

 

01.02. - 08.03.2009 Reihe Lebenswirklichkeit

Achim Reimann
1964 in Bonn geboren
1987-1994 Studium an der Kunstakademie
Düsseldorf, Meisterschüler bei Dieter Krieg
1991-1993 Studienstiftung des Deutschen Volkes
1996 Stipendium der HAP-Grieshaber-Stiftung
in Reutlingen

Achim Reimann irritiert mit seinen Gemälden die
Wahrnehmung. Auf den ersten Blick scheint er uns
Stilleben zu präsentieren. Hier sind Arrangements
auf weißem Grund zu sehen, etwa Zitronenscheiben,
frittiertes Hühnerfleisch am Stiel, das in den
Niederlanden so gerne verzehrt wird, Krabben und
andere Schalentiere, daneben diverse Saucen.
Andere Bildelemente lassen sich hingegen nicht
benennen. Hier stößt das Auge auf extrem dick
aufgetragene Farbmassen, auf geformte Farben,
die gleichsam bildhauerisch verarbeitet wurden und
aus der Bildfläche aufragen.
Was der Malerei ehedem unvereinbar schien,
erscheint hier nebeneinander und zugleich: das
illusionistische Stilleben und die sich selbst
genügsame Malerei. Achim Reimann erläutert:
»Im Grunde gleiche ich die Materialität der Farbe
dem an, was ich male. Das Illusionäre in der
Malerei versuche ich zu eliminieren. Ich habe das
Gefühl, der Sache damit mehr auf den Grund zu
gehen, als die Dinge nur von außen wahrzunehmen.
Farbe ist für mich immer noch ein Mittel, um
Strukturen sichtbar zu machen und somit ein
Vehikel des anderen Sehens.« Dieses will sehen
und benennen, Bekanntes wiedererkennen und auf
den Begriff bringen, aber auch einfach nur schauen,
dem Sehen und neuer Seherfahrungen wegen.

Bernd Finkeldey, Kurator
(Bildrechte: © Achim Reimann)

21.03. - 26.04.2009 „Vom Mittelmeer, mit Schuppen aus Seide“

In allen ihren medial vielseitigen Arbeiten verfremdet
Anna Talens die Dinge, taucht sie in Poesie und
lässt sie somit verwandelt neu entstehen. Selbst ihre
recht abstrakten, mitunter aquarellierten Bleistift-
zeichnungen stellen fragile Gebilde dar, die einerseits
nichts anderes als simple geometrische Formen sind.
Andererseits scheinen sie wie farbig angehauchte
und dadurch sichtbare Luftblasen oder kostbare
Perlen und Edelsteine auf imaginären Seidenschnüren
vor dem leeren und abschirmenden Blattfond zu
schweben. Mittels brillant inszenierter Fotografien
lässt Talens dann gar ein echtes Schneckenhaus
zum Auge eines Fisches werden, dessen Körper
wiederum eine Vogelfeder und deren Schatten bilden
(Cabeza de pez, 2000). Diese (mindestens) doppelten
Sinnbezüge des Dinglichen, bei Talens oft des
natürlichen objet trouvé, gehen letztlich auf die antike
Philosophie, speziell Platos, zurück.
Ihre künstlerische Darstellung mittels phantasie-
reicher Formenkombinationen ist aber vor allem aus
dem Barock und später besonders von den
Surrealisten her bekannt. Auch Talens’ multimediale
Arbeiten (Video, Zeichnung, Fotografie, Malerei
und Skulptur) künden vom Vermögen der Kunst,
nach den Ideen hinter den Dingen zu fragen,
Imaginationen auszulösen und Unbewusstes zu
erwecken. So sind die Tejidos (seit 2006), die
fragilen Gefäße für den Wind, aber auch in der
Lage, als Installationen ganze Raumfluchten zu
besetzen und noch dazu das Unsichtbare, das
Nichts, einzufangen. Talens transformiert nicht nur
alltägliche bzw. natürliche Gegenstände und Orte
in Schauplätze für nie so Gesehenes, für die Träume
und Visionen eines individuellen, anonymen Bild-
Betrachters. Im öffentlichen Raum, etwa von Mainz,
hat sie letzteren gar zum aktiven Teilhaber einer
interaktiven, prozess-basierenden Arbeit werden
lassen. Für Ludwigsburg soll eine neue, ortsbezo-
gene Installation in der zentralen Oberlicht-Halle
entstehen sowie eine umfangreiche Ausstellung von
neuen und neuesten Werken der jungen, spanischen
Künstlerin in allen von ihr verwendeten Medien
gezeigt werden.

Silke Opitz, Kuratorin
(Bild:Anna Talens, Tejido XXIX (Erizo)/Gespinst XXIX (Seeigel),
2007, 14 x 14 x 9 cm, Metalldraht und Nägel, Courtesy of the artist)

10.05. - 14.06.2009 Reihe Lebenswirklichkeit

Jochen Twelker
1957 in Bielefeld geboren
1979-1987 Studium an der Kunstakademie Münster,
Meisterschüler bei Norbert Tadeusz
1989 Kunstrpreis Altona, Hamburg
1990 Barkenhoff-Stipendium, Worpswede,
Lingener Kunstpreis
2002-2004 Lehrauftrag an der Hochschule für
Bildende Künste, Braunschweig
lebt und arbeitet in Berlin

Jochen Twelkers Gemälde fordern die Wahr-
nehmung auf das Äußerste heraus. Vor Augen
treten Kompositionen von farbenfrohen, konvex oder
konkav verlaufenden Wölbungen und Kurven. Sie
erstrecken sich senkrecht, werden abgelöst von
horizontalen Bändern, die schroff in Senkrechte
übergehen. Interaktion, Intervall,Harmonie zeichnet
auch das Nebeneinander der Farbstreifen aus,
die sie begleiten, ergänzen oder komplementär
kontrastieren.
Der Umgang mit solchen seriellen Gemälden schien
uns durch die Op Art vertraut, doch diese fordern
die Augen nicht nur heraus, sondern überfordern sie.
Serielle Strukturen sind zwar erkennbar, aber nicht
analysierbar und erst recht nicht durchschaubar.
Gesteigert wird der Befund der Zugriffslosigkeit
durch die sich nach und nach einstellende Erkennt-
nis, dass die Linien nicht um ihrer selbst willen ge-
setzt sind. Sie wölben und strecken sich, bezeich-
nen neun eng nebeneinander aufgereihte weibliche
Oberkörper, die in gestreiften Pullovern, T-Shirts und
Blusen stecken.

Bernd Finkeldey, Kurator
(Bildrechte: © Jochen Twelker, VG Bild-Kunst, Bonn 2008)

 

30.08. - 04.10.2009 Reihe Lebenswirklichkeit

Aino Kannisto
1973 in Espoo geboren
2001 Master of Arts, Department of Photography,
University of Art and Design, UIAH, Helsinki
Lebt und arbeitet in Helsinki, Finnland

Aino Kannisto zählt zu den bedeutendsten zeitge-
nössischen Künstlern Finnlands. Sie inszeniert und
konstruiert ihre fotografischen Bilder, auf denen sie
uns Szenenbilder vor Augen führt, die aus der sie
umgebenden Welt herrühren. Sie sind aber auch
beeinflusst von Literatur, Kino und Fotografie. Des-
halb sind sie vorrangig Innenbilder, die aus ihrer
Erinnerung auftauchen oder aus Tag- und Albträumen
entstammen. Mit ihrer Kunst reagiert Aino Kannisto
auf ihre Existenz. Ihre Bildwelten werden bewusst
aufgebaut und komponiert. Und sind bei aller schein-
baren Lebenswirklichkeit fiktiv. Aino Kannisto er-
läutert, dass sie selbst die Personen in ihren Bildern
spielt. Dennoch seien ihre Bilder keine Selbst-
porträts, eher die von Ich-Erzählerinnen. »Meine
Bilder sind Phantasien, ich repräsentiere eine
Atmosphäre oder Stimmung durch die fiktiven
Personen. Phantasie ist eine Möglichkeit, über
Emotionen zu sprechen.« Und so werden in den
kalkulierten Bildausschnitten von geordneten, alltäg-
lichen Lebenswelten unterschiedliche menschliche,
zumeist melancholische Seinszustände ansichtig.
Die fiktiven Personen ziehen sich ganz offenkundig
aus ihren Umgebungen zurück. Sie sind ganz und
gar bei sich. Dabei kündet ihr Körper von mensch-
lichen Emotionen, mal von Introspektion, Konzen-
tration, Absorption, mal von Eros, auch von Aggres-
sion, mal sogar von der Angst vor dem Untergang.
Die Bilder ziehen uns an, nehmen uns gefangen
und verstören uns, weil wir während der Betrachtung
so ganz offenkundig in privateste Sphären eindringen,
deren visueller Ausstrahlung wir uns wiederum nicht
entziehen können.

(Bildrechte: © Aino Kannisto, VG Bild-Kunst, Bonn 2008,
Courtesy Galerie M,Bochum)

 

28.06. - 22.08.2009 „Dissolving absolute Structures“

Mona Vatamanu & Florin Tudor (*1968 Constanta,
RO/ *1974 Genf, CH, leben und arbeiten in Bukarest)
untersuchen in ihren Arbeiten, wie politische und
ökonomische Systeme Räume definieren und sich in
diese einschreiben. Das Künstlerpaar hat Rumänien
auf der Biennale in Venedig 2007 vertreten und 2008
u. a. an der 5. berlin biennale teilgenommen.
Im Rahmen ihres Ludwigsburger Ausstellungspro-
jektes anlässlich des 300jährigen Stadtjubiläums
2009 ist eine 14tägige residency von Vatamanu/Tudor
vor Ort geplant. So wird eine umfassende Einzelaus-
stellung der international agierenden Künstler mit
einem ortsspezifischen, neuen Beitrag verbunden
werden. Thematischer Ausgangspunkt der Ludwigs-
burger Schau ist die „absolute Stadt“ mit ihren
spezifischen Strukturen und ihrer entsprechenden
Typologie. So verweist der Ausstellungstitel, in
Deutsch etwa „Auflösen (aber auch Überblenden)
absoluter Strukturen“, einerseits auf das barocke
Ludwigsburg als Planstadt nach den Vorstellungen
des absolutistischen Stadtgründers und Landes-
herren Herzog Eberhard Ludwig, andererseits auf
das „sozialistische“ Bukarest nach den megalomanen
Plänen des absoluten Alleinherrschers Ceausescu.
Um neben dem rumänischen, sog. Palast des Volkes
zahlreiche Wohnblöcke für seine Parteigenossen
entlang breiter Straßenfluchten im Stile absolutis-
tischer Städte und besonders nach Pariser Vorbild
errichten zu können, ließ der kommunistische
Diktator 85% der Altstadtsubstanz zerstören und
40.000 – 70.000 Menschen in Plattenbauten um-
siedeln, was er als „strukturieren“ bezeichnete.
Bukarest wie Ludwigsburg sollen in Ausstellung bzw.
Begleitpublikation jedoch auch hinsichtlich ihrer
gegenwärtigen städtebaulichen Situation und
Nutzung vorgestellt und befragt werden. Post-sozia-
listische Transformationsprozesse haben nach 1989
sicherlich in der rumänischen Metropole unmittelbar,
in der (west-) deutschen Kleinstadt aber zumindest
mittelbar stattgefunden und wiederum spezielle
urbane bzw. nutzungstechnische Ergebnisse gezei-
tigt, die als Indikatoren für aktuelle gesellschafts-
politische wie soziokulturelle Situationen und Zu-
stände gelten können. Der Bukarester „Palast des
Volkes“ ist nun seinem Sitz nach „Palast des Parla-
ments“ und beherbergt ferner auch das rumänische
Museum für zeitgenössische Kunst. Welche Bot-
schaften während der aktuellen Palast-Besichti-
gungen durch die „Tourguides“ vermittelt werden,
welches neue „Bild“ oder „Konstrukt“ der rumänischen
Geschichte in diesem kontextuell so „besetzten“
Haus dabei gezeichnet wird oder entsteht, führen
Vatamanu/ Tudor in ihrer Videoarbeit Palatul (2003-
2004) vor. Wie an vielen Orten Westeuropas sind
auch in Ludwigsburg seit 1989 und verstärkt noch
seit der EU-Osterweiterung 2004 Gastarbeiter aus
osteuropäischen Ländern, darunter Rumänien, tätig.
Nicht immer zu den besten Konditionen und gerade
deshalb von den jeweils einheimischen „Kollegen“
als unschlagbare Konkurrenz nicht gern gelitten,
sind sie häufig im Baugewerbe beschäftigt. So ist es
ausdrückliches Anliegen der Künstler, mit der Wahl
ihrer Materialien für die Ludwigsburger Arbeit den
von ihren Landsleuten im Ausland verwendeten
Arbeits-Materialien zu entsprechen. Aus Zement und
Fliesen/Kacheln soll ein Objekt entstehen, das zum
einen auf das derzeitige, schnelle und stadtplanerisch
erneut rücksichtslose Bauen ausländischer Investoren
(zumeist Banken) in Bukarest verweist. Zum anderen
wird formal das rechteckige, stadtstrukturale Raster
Ludwigsburgs aufgriffen, vor allem aber den hiesigen
wie anderswo tätigen rumänischen Gastarbeitern ein
Denkmal gesetzt.

Silke Opitz, Kuratorin
(Mona Vatamanu/Florin Tudor, Palatul, 2003-2004, video still,
Courtesy of the artists)

27.09. - 25.10.2009 Sonderausstellung im Schloß Ludwigsburg

„Mit meinen Bildern will ich wieder Lust zum
Menschen machen. Mit den Mitteln der bildenden
Kunst will ich ihn verführen, zu seiner eigenen
Schönheit. Meinen Menschen könnte man den „zum
Leben Verführten und Durchlüfteten“ nennen. Der
Mensch und das Leben selbst müssen zum Kunst-
werk werden.“ (Walter Wörn ,gest. 1960)

Hauptthema von Wörns Bildern ist der Mensch, der
sich geistig und körperlich ausgeglichen in einer
harmonischen Umwelt aufhält. Walter Wörn gestal-
tete einen idealen Menschentyp. Stilisierte Einzel-
figuren, häufiger auch in der Gruppe, erscheinen in
entspannter Haltung der Natur eingebunden zu sein.
Wörns Figuren treiben Sport, tanzen, oder sitzen
im Garten zusammen. Selten halten sich die Figuren
im Innenraum auf. Die plastischen weichen Körper
vermitteln eine heitere Sinnlichkeit, die von Huma-
nität und vom arkadischen Geist der Antike getragen
ist. Wörn greift in seinen Akten ein Motiv auf, das
traditionell für das Ideal einer reinen, vergeistigten
Sinnlichkeit steht, für eine Einheit von Körper und
Geist, die schon in den Kuros-Weihestatuen der
griechischen Archaik beschworen wurde.
Das Thema des im klassischen Sinn ausgebildeten
Menschen findet sich Anfang des 20. Jahrhunderts
in Stuttgart in Bildern von Künstlern des Hölzel-
Kreises, bei Christian Landenberger, Akademielehrer
Walter Wörns, in der Kunstsprache von Oskar
Schlemmer und Otto Meyer-Amden. Wörn gelangt
entgegen seiner Mitstudenten zu einem aus-
schließlich positiven Bild des Menschen. Seine
künstlerische Vitalität zeichnet sich in großforma-
tigen Bildern mit starker Farbigkeit aus. Seit den
50er Jahren schuf Wörn monumentale Wandbilder,
großflächige Tapisserien und Keramiken.
Walter Wörn hinterlässt trotz seiner kurzen Lebens-
dauer ein vielzähliges Oeuvre. Neben etwa 150
Ölbildern sind circa 2000 Zeichnungen, Pastellen
und Aquarellen bekannt. Walter Wörn schuf eine
eigenständige kraftvolle Bildsprache, der er ganz
unterschiedliche Anregungen integrierte. Er zeigt
in seinen von Humanität und Eros bestimmten
Bildern eine ideale Vorstellung vom Menschen und
vom Leben, die er bewusst der realen Welt gegen-
überstellt. Daß die Gegenwelt nicht theoretisch aus
dem Kopf, sondern aus dem eigenen Empfinden
heraus entwickelt wurde, verleiht ihr nachhaltige
und fortdauernde Wirkung.

Dr. Andrea Wolter-Abele, Kuratorin
(Fotos: George Meister, München, Wolf-Dieter Gericke,
Stuttgart Galerie der Stadt Stuttgart Staatsgalerie Stuttgart)

18.10. - 22.11.2009 „Made in China“

Christiane Haase ist bekannt für ihre ambitionierte
Verwendung traditioneller Techniken zur bildnerisch-
zeitgemäßen Materialisation des Unbewussten und
Unheimlichen. Dabei pflegt sie ein cross over
zwischen den einst streng geschiedenen, bild-
künstlerischen Disziplinen Kunst, Design und
Architektur, wovon besonders ihre neuesten Pläne
für ein Ludwigsburger Environment künden. Dieses
sieht die Gestaltwerdung plastisch-dreidimensionaler
Formen aus zweidimensionalen Zeichengründen vor
und wird wie ein extrahierter, überdimensionaler
Un-Bewusstseins-Raum zu betreten sein.
Seit ihrem Aufenthalt am European Ceramic Work
Center im holländischen ’s-Hertogenbosch 2006
experimentiert die Künstlerin vorwiegend mit den
herkömmlich „angewandten“ Werkstoffen Ton und
Porzellan. Während eines langfristigen China-
Aufenthaltes in Jingdezhen intensiviert Haase nun
diese Beschäftigung auf fernöstliche Weise, indem
sie etwa eine spezielle Ritztechnik für getrocknete
Porzellanstücke praktiziert oder für den chinesischen
Hort der Porzellanherstellung typische Glasuren
verwendet. Entstanden sind somit phantastische
Wesen wie etwa die Werkgruppen der „lebens-
großen“ Geister (Porzellan, 2008) und Masken
(Porzellan, 2008/2009). Diese versinnbildlichen
Bewusstseins- und Seelenzustände, die den Regeln
und Riten des westlichen wie östlichen Alltags
entsprechend als schlecht lebbar, unerwünscht
oder gar abnorm gelten. Über das Motiv des Tanzes
und der Lust an Verkleidung und Rollenspiel spuken
die Geister aber nun einmal durch den an sich
„süßen“ Mädchentraum, Primaballerina zu sein.
Jedoch lassen sie eher Rückschlüsse auf die
Träumerin als unheimlichen Kind-Kobold zu.
Christiane Haase hinterfragt so kulturell geprägte
Rollenmuster und Identitäten und thematisiert
darüber auch die Konstruktion wie Interaktion
verschiedener Kulturkreise.
Den insgesamt zehn Geistern liegen ihren Formen
nach 3 Prototypen (zusätzliche 3 Plastikfassungen)
zugrunde. Auch die zunächst individuell modellierten
Masken stehen vor Beginn ihrer seriellen Produktion,
welche mittels von ihnen abgenommener Gipsformen
bewerkstelligt wird. Dennoch werden sich auch die
zukünftigen Masken in ihren glasierten, farbigen
Oberflächen weiterhin voneinander unterscheiden.
Als „Made in China“ verweisen diese Arbeiten von
Christiane Haase somit einerseits auf die traditions-
reiche, sich gegenseitig bedingende Geschichte
asiatisch-europäischer Porzellan- und Keramik-
herstellung. Andererseits verbindet man mit der
betreffenden Warenkennzeichnung heute im Allge-
meinen wenn nicht billige, so doch serielle Massen-
produktion. Beide Formen des Werkprozesses und
vor allem die entsprechenden Produkte prägen noch
immer maßgeblich die ökonomischen wie kulturellen
Beziehungen zwischen Europa und Asien.

Dr. Silke Opitz, Kuratorin

Fotos: Geister, 2008, Porzellan, Stahl, Höhe je 140 cm
C15, 2007, Keramik und Aquarell, 48 x 101 x 21 cm
M1, 36 x 28 x 19 cm, Porzellan, 2008
© Christiane Haase

Das komplette Jahresprogramm 2009 finden Sie auch als PDF im Download!
Die Ausstellungen 2008 finden Sie im Rückblick für 2008.


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