​Prof. Andreas Hykade

Ring of Fire ist der zweite Film aus Hyades Country-Trilogie, die We lived in Grass, Ring of Fire und The Runt umfasst. In diesen drei Filmen befasst er sich damit, was es für ihn vor dem Hintergrund seiner katholischen Erziehung im bayrischen Altötting bedeutet, ein Mann zu sein. Hykade unterwirft die männliche Sexualität einer gnadenlosen Prüfung. In seiner Welt ist die Männlichkeit eine problematische Last, deren Integration in ein voll funktionierendes Selbstsein eine moralische Herausforderung darstellt. Man hat Hykade schon Frauenfeindlichkeit vorgeworfen, aber tatsächlich tendiert er eher zur Idealisierung von Frauen – in Ring of Fire ist das Objekt der Liebe mit dem Wasserhaar eine Personifizierung des Frauenbildes als Lebensspenderin von zentraler Bedeutung. Und die Zigeuner-Prostituierte ist eine majestätische Figur, die ihre Geheimnisse nur zu ihren eigenen Bedingungen teilt. Die Frauen symbolisieren einerseits Stärke und Macht sowie andererseits freudvolle Güte. Währenddessen sind die Männer erbärmliche Kreaturen und Sklaven ihrer eigenen Lust. Der tollpatschige Cowboy ist nicht imstande, ohne Führung zu leben. Der schlaue fähige Cowboy ist der Es-Mann, der seine eigenen Wünsche ohne Konflikte oder Gewissen verfolgt. Für ihn bedeutet Sex Eroberung und ist Penetration die wütende Faust. Der Tollpatsch wird letztlich dadurch geadelt, dass er seine weibliche Seite akzeptiert, während der Schlaue durch seine Unfähigkeit, die Macht des weiblichen Prinzips zu erkennen, vernichtet wird. Wenn hier überhaupt eine heikle politische Geschlechterfolge eine Rolle spielt, dann ist es Hyades Idealisierung des Weiblichen.

Die würdeloseren Abbildungen von Sex scheinen eine klare Projektion des männlichen Begehrens zu sein. Die Welt, in der die beiden Cowboys leben, ist ein Jahrmarkt des Sexes. Alles dreht sich um die beweglichen Teile, um Reibung und Schmierung. Es gibt Vergnügen, aber keine Freude. Durch ihre Augen sehen wir die Welt der Geschlechtsbeziehungen als exzessiven Karneval der entkörperlichten Körperteile, die zum Handel feilgeboten werden. Dieser Handel hängt von einem Ausleben der Männlichkeit ab, vor dem der unbeholfene Cowboy erniedrigt flieht, nur um in das Territorium der Heldin zu geraten, das durch eine haushohe Vagina gekennzeichnet ist. Hier wird er in den üppigen Wassern des weiblichen Prinzips gebadet. Die schöne Heldin wird von dem gewieften und bösen Cowboy verleitet und vergewaltigt, während der unbeholfene Cowboy in das Zelt der Zigeunerin geht, wo er vor Ehrfurcht erstarrt und überwältigt ist von der Offenbarung ihrer schier unendlichen sexuellen Geheimnisse.

Hykades Fähigkeit zum punktgenauen Ausbalancieren der Grenzlinie zwischen Figuration und Abstraktion ermöglicht es uns, in die Geschichte der Charaktere einzutauchen und gleichzeitig über das nachzudenken, was der Autor uns auf einer universelleren Ebene erzählt. Die extreme Stilisierung bei seiner Art des Zeichnens ermöglicht es, Sex ganz bildlich in einer perversen und verwirrenden Vielfalt zu zeigen. Doch der intensivste Ausdruck von Erotik in seinem Film zeigt sich in Form einer Metapher – dem Strömen und Gießen von Wasser. Das Ende des Films, wenn der sanftere Cowboy die lädierte Heldin wäscht, ist gleichzeitig erotisch und bewegend. Hier wird der gleichberechtigte erotische Austausch zwischen einem Mann und einer Frau als heilend und lebensspendend gezeigt.

Für Hykade bilden Klang und Musik das Zentrum des emotionalen Lebens. Er wurde in seiner Entwicklung stark durch Americana beeinflusst. Auf eine Art ist der Film ein Liebesgedicht, das der Musik von Elvis, Bob Dylan und Johnny Cash gewidmet ist (auf den auch der Titel anspielt; der jedoch ablehnte, den Hintergrundkommentar zu sprechen, nachdem er das Drehbuch gelesen hatte). Diese Sänger haben ihm sicher die ersten Männlichkeitsideale vermittelt. Die komponierte Filmmusik und tiefe amerikanische Bassstimme des Hintergrundsprechers erinnern an die Welt des Westerns mit ihrer schicksalhaften Privilegierung des Männlichen.

Auch eineinhalb Jahrzehnte später ist Ring of Fire immer noch ein spannender und herausfordernder Film, wenngleich er einen frühen Zeitpunkt in Hykades sich weiter entwickelnder Karriere repräsentiert. Es war sein erster Film nach der Akademie, unterstützt durch den Mercedes-Benz-Förderpreis wegen der Stärke seines Abschlussfilms, des chaotischen Meisterwerks We lived in Grass. Hykade ist sicher einer unserer spannendsten zeitgenössischen Trickfilmer. Seine Arbeiten scheinen laut und deutlich aus dem Es zu sprechen, werden aber durch einen starken Intellekt, eine kräftige Moral und einen Sinn für Humanismus vermittelt und gemildert, was ihn meiner Meinung nach auf eine Stufe mit Yuri Norstein und Caroline Leaf hebt. Vielleicht wird dies nur klar, wenn wir sein Werk als Ganzes betrachten. Jeder seiner Filme erscheint zunehmend einfach, ja sogar vereinfachend – aber ich glaube, dass Hykade seine Arbeit im Verlauf seiner Weiterentwicklung hin zu einem besseren Filmemacher immer mehr auf das Wesentliche reduziert. Oberflächlich betrachtet sind seine Filme leichter geworden, während (selbst in seinen entzückenden Kinderserien) die Kraft und Komplexität seines frühen Werks unterschwellig noch immer vorhanden sind.

Hykade stellt sich selbst in seinen Zeichnungen stets als kleinen unbedeutenden Knaben dar, dessen Genitalien lächerlich unter seinem dreieckigen Hemd hervorbaumeln, während er verträumt auf die Welt blickt. Und vielleicht ist seine Weltsicht die eines kindlichen Genies, eines ursprünglichen Naivlings. Letzten Endes ist Ring of Fire ein Film über die zentrale Bedeutung der Liebe für ein erfülltes Leben.

Prof. Ruth Lingford, Harvard University


Müller & Sohn im Salon

Wege

Das beschauliche Tannheimer Tal. An einem Weg weiden Kühe, stehen Hütten und Holzstapel und immer wieder rote Ruhebänke. Die roten Bänke inspirieren Müller&Sohn zu ihren künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsinstrumenten. Mit diesen markieren und begehen Müller&Sohn Wege und weisen ihnen unbestimmte Zeit und Maßeinheiten zu. Diese Aktion im Naturraum dokumentiert Müller&Sohn mittels Action-Cams.
Diese Aufnahmen wiederum dienen als Skizzenbuch für die Malereien der Künstlerin Irene Müller und die Malereien des Künstlers Diethard Sohn.
Im Gewölberaum des Kunstvereins Ludwigsburg wird eine Rauminstallation bestehend aus den Videos, den Malereien und Forschungsinstrumenten zu sehen sein.