AUS DER REIHE

Mit dem neuen Format AUS DER REIHE zeigt der Kunstverein zukünftig spontan Arbeiten von Künstler-Mitgliedern außerhalb der etablierten Ausstellungsformate.

Gustavo Diaz Sosa

1983 geboren in Sagua la Grande (CU) | 1998 - 002 Studium an der National Academy of Fine Arts »San Alejandro«, Havanna (CU) | 2002 Abschluß mit Auszeichnung (»Golden Title«) an der National Academy of Fine Arts »San Alejandro«, Havanna (CU) | 2003 Kubanischer Kunstpreis der 1. Landschafts-Biennale Havanna (CU) | 2004 Kunst-Aufenthaltsstipendium, San Sebastián (ES) | Studien für Lithografie, Fotografie, Gravur, Siebdruck, Videobearbeitung und Stop-Motion für Animationsfilme | Wettbewerbspreis für junge Künstler IX., Gaceta Regional de Salamanca Foundation (ES), 1. Preis im Ersten Nationalen Wettbewerb für Malerei, Villa de Torralba, Ciudad Real (ES), 1. Preis im Nationalen Wettbewerb für Malerei XXII. City Daimiel, Ciudad Real (ES) | 2004 - 2008 ARTELEKU Aufenthaltsstipendium, Donostia-San Sebastian (ES) | 2005 1. Preis auf der 1. Biennale für Malerei, Torres Garcia, Barcelona, XXIII. Internationaler Wettbewerb »Prize Eugenio Hermoso«, Badajoz (ES) | 2006 BRAND Mention Award 2006 (ES) | 2010 GO Award, Caixa Penedes Anquins and Gallery (ES), Preis »Painting Large Format Army 2010« (ES) | lebt und arbeitet in Madrid.

Das nahe Madrid liegende Atelier des kubanischen Künstlers Gustavo Díaz Sosa (*1983) gleicht einer Wunderkammer: In Regalen stehen Bücher zur Kunst und Kunstgeschichte, zur Meta-physik oder Spiritualität, auf Tischen stapeln sich Zeichnungen und Skizzenbücher, Notizen zu Franz Kafka oder Dante Alighieri, wie Kruzifixe, Weihrauchspender, Kerzen, bunte Flaschen oder Tierschädel dort ebenso aufgestellt sind, und anatomische Studien, Zeichnungen von Knochen, Skeletten und Architekturgebilden oder Reproduktionen von William Blake zudem an den Wänden hängen. Der Raum spiegelt die vielseitigen Interessengebiete und zugleich die Geistes- und Gedankenwelt des Künstlers wider: Díaz Sosa befasst sich seit seiner Kindheit mit den Geschichten im Alten Testament – etwa dem Turmbau zu Babel, Jakobs Traum von der Himmelsleiter oder dem Exodus –, mit anderen Religionen, insbesondere dem Judentum, aber ebenso mit der Quantenphysik, dem Okkultismus oder der Meditation. Das breite Themen-spektrum wirft bei dem Künstler grundlegende Fragen auf: Gibt es Gott? Was macht das menschliche Wesen bzw. sein Tun und Handeln aus? Oder, worin liegt das Machtstreben des Menschen begründet? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen bestimmt Díaz Sosas Lebensalltag wie auch sein Kunstschaffen.

Auf den ersten Blick wirkt seine Malerei leicht zugänglich. Erst die intensive Betrachtung offenbart die inhaltlich komplexen Themen seiner Bilder: Die oftmals großformatigen Gemälde in Mischtechnik zeigen entweder halb verwüstete, unwirtliche und annähernd menschenleere Landschaften oder aber Menschenmassen, die zwischen hohen, äußerst abweisenden kubischen Architekturen suchend herumirren oder wartend verharren. In anderen Arbeiten sind Türme mit Leitern oder Pyramiden mit übersteilen Treppenaufgängen zu sehen, deren Ende nicht zielgerichtet erscheint, sondern ins Leere führen. Türen und Tore in den glatten Gebäudefassaden bieten scheinbar nur einen Ein-, aber keinen Ausgang. Eine weitere Werkgruppe zeigt Plateaus mit tief eingelassenen Kratern, an deren Rand Menschen in den Abgrund blicken, oder es sind verwinkelte, fragile Treppenkonstruktionen zu sehen, die in ein unergründliches Erdinneres führen. Alle diese Bilder mit wuchtig-monströsen Architekturgebilden lassen offen, was sich hinter den Mauern befinden mag oder wohin die Figuren eigentlich streben. »Ich versuche die Beschreibung einer verlorenen, anonymisierten, globalen, aufge-gebenen und verzweifelten Gesellschaft, die in einem System funktioniert, das vorgibt als Demokratie auf einem weltweiten Niveau zu existieren. Meine Charaktere laufen fortwährend nach Nirgendwo, suchen nach Türen oder Auswegen durch die monumentalen Mauern, die sie in einem Netz von bürokratischen, festgelegten Regeln gefangen halten. In diesem Zusammenhang verwende ich Architektur wie ein Werkzeug oder ein Symbol der Macht. Architektur wurde schon immer benutzt, um Menschen zu schützen, aber auch um sie zu dominieren. […] Religionen, Mythen, politische Systeme haben sich schon immer auf riesige Tempel gestützt, um die Fragilität des Einzelnen im Angesicht der Macht noch zu verstärken.«
Díaz Sosas Bildpersonal ist häufig im Gespräch einander zugewandt. Im Kontrast zu ihrer alles dominierenden Umgebung, sind die Figuren jedoch winzig kleine Geschöpfe, gleich gesichts-, namen- und bedeutungsloser Nummern in der Masse. Trotz aller Anonymität sind sie es aber, die den Bildern eine Atmosphäre ansteigender Unruhe und zunehmender Beklommenheit verleihen. Damit wecken Díaz Sosas Bilder Emotionen, die den Betrachtenden – symbolisch wie auch real – vermitteln, jeder könne jederzeit in einen Strudel oder Abgrund gerissen werden, oder feststellen, dass sich über Leitern und Treppen erklommene Wege nicht als Rettung, sondern Sackgasse erweisen. Wieder andere Werke demonstrieren, wie bereitwillig die Figuren – stellvertretend für uns Menschen – an Absperrungen, in Leit- und Wartesystemen oder auch an Schreibtischen Schlange stehend ausharren. Dabei lässt der Maler stets offen, ob etwas geschehen wird und wenn ja, was genau passieren wird, wenn die Figuren an einem der Bürotische vorstellig werden dürfen oder eine Treppe nach oben erstiegen haben. Das Ziel oder der Mehrwert des geduldigen Tuns wird nicht erkennbar oder gar benennbar. »Wir leben in einem Angstzustand, in Stress oder in Depressionen; man sagt uns, was wir machen müssen und wo es lang geht, aber dabei merken wir nicht, dass die Antworten, nach denen wir uns eigentlich sehnen und die uns frei machen würden, nicht da draußen zu finden sind, sondern in uns selbst.« Eine Aussage, die von einer überzeitlichen Allgemeingültigkeit und der ausgeprägten Beobachtungsgabe eines Lebensalltags in Zeiten gesellschaftlicher Unruhen zeugt.

In diesem Zusammenhang kann auch der Ausstellungstitel V.I.T.R.I.O.L. gelesen werden. Das Akronym ist ein Leitspruch aus der Alchemie. »Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem« bedeutet übersetzt »Suche das Innere der Erde auf und geläutert wirst Du den verborgenen Stein [der Weisen] finden«. Auf eine große Holzplanke geschrieben, hängt es auch im Atelier des Künstlers – als Leitmotiv, wenn nicht sogar als Quintessenz seines künstlerischen Schaffens. Díaz Sosa begreift seine Kunst als Ergebnis einer inneren Reise: Im Lauf der Jahre führte sie ihn zu der Selbsterkenntnis, jeder Mensch müsse einen lehrreichen Prozess durchlaufen, bei dem er auch ins Straucheln oder gar Fallen geraten könne. Einer Läuterung gleich, lerne er aber daraus – im wörtlichen wie übertragenen Sinne –, wieder aufzustehen. Erst mittels schmerzhafter oder komplexer Lebenserfahrungen und über die daraus resultierenden Erkenntnisse ließe sich herausfinden, wer man selbst ist und welche Aufgabe man als Mensch eigentlich auf Erden hat: Schau in dich und erkenne dich selbst.

Sein Anliegen verwebt Díaz Sosas in Bilder, die das kollektive kulturelle Gedächtnis ansprechen. Die in seinen Arbeiten dem Himmel entgegenstrebenden Türme und die nur über Leitern oder Treppen verbundenen Gebäudeebenen kennen viele Betrachtende aus berühmten Werken der Kunstgeschichte: aus dem Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel d. Ä., der Radierfolge der Kerker der Phantasie (Carceri d’invenzione) von Giovanni Piranesi oder dem Bilderzyklus zu Dantes Die Göttlicher Komödie (Devina Commedia) von Sandro Botticelli, William Blake und anderen. Darüber hinaus verarbeitet der belesene Künstler in seinen Werken Literaturklassiker. Die auf diese Weise erwirkte Mehrschichtigkeit seiner Bilder, erlaubt den Betrachtenden verschiedene Lesarten und Interpretationen, beeinflusst durch die jeweils individuell erwor-bene Lebensweisheit. Mit den Zitaten aus Literatur, Kunst und Religion regt Díaz Sosa sie immer wieder dazu an, sich mit der gegenwärtigen globalen Situation auseinanderzusetzen und das Allgemeingültige mit der eigenen aktuellen Position in Verbindung zu bringen und zu hinterfragen.

Katharina Henkel